Das Tessin hat ein großes Privileg: ein mediterran beeinflusstes Klima und karge Erde.

Da der Schweizer Südkanton am Fuß der Alpen liegt, deren Ausläufer an die Grenze mit Italien und teils darüber hinaus reichen, kann sich das warme Mittelmeerklima bis zum Gebirge ausbreiten. Die Böden sind meist mit Gneissand durchsetzt, sauer und wenig ergiebig. In der Vergangenheit hatte die Bevölkerung stets erhebliche Mühe, sich zu ernähren. Die wechselnden Besetzer waren ohnehin bloß am Korridor durch die Alpen interessiert, der ihnen strategische und finanzielle Vorteile brachte. So sahen sich viele zur Emigration gezwungen, insbesondere Menschen mit einer anderen Begabung als jener, die terrassierten Kleinstparzellen zu bestellen. Die Regel lautete: Wer nicht so viel produziert, wie er isst, kann nicht bleiben.

Ein günstiges Erbe
Die karge Erde hat also manche aus dem Kanton vertrieben. Wegen des Hungers wanderten gerade die Begabteren – Architekten, Maurermeister, Steinmetze, Tischler, Stuckateure, Maler, Bildhauer usw. – aus und schufen in der Fremde Fantastisches1. Man denke nur an Rom oder St. Petersburg, wo Tessiner beeindruckende Spuren hinterlassen haben. Zurück blieben die Bauersleute, die noch bis in die fünfziger Jahre ein äußerst bescheidenes Dasein führten. Erst durch den Tourismus fand die unterentwickelte Region definitiv Anschluss an die Gegenwart.
Doch was einst eine schwere Bürde war, hat sich in jüngerer Zeit als wahrer Segen erwiesen, denn für den Weinbau sind die Bedingungen in der zerklüfteten Landschaft einzigartig. Das Tessin liegt in der insubrischen Zone, wo die europäische und die afrikanische Kontinentalplatte aufeinanderstoßen. Der Name leitet sich von der keltischen Ethnie der Insubrer ab, die in vorchristlicher Zeit den Raum zwischen dem Gotthardmassiv und dem Fluss Po besiedelten. In diesem Gebiet spielen die vier Elemente eine ausgeprägtere Rolle als anderswo: Viel Sonne, reichlich Wasser, ein wildes Durcheinander von Erdschichten und fast unzählige Winde bilden einen geradezu launischen Rahmen.
Die Rebe hat es wahrlich nicht leicht in diesem Umfeld, doch ist sie ein eigenartiges Geschöpf. Pflanzt man sie in fette Böden, macht sie sich ein beschauliches Leben und vegetiert; wenn sie hingegen kämpfen muss, dann gibt sie ihr Bestes.

Der Quantensprung
Rebbau wurde im Tessin seit der Römerzeit betrieben, allerdings war der Wein nur ein Lebensmittel, das ein paar zusätzliche Kalorien auf den dürftigen Speisezettel der Bevölkerung brachte. Eine Kultur des Weins gab es nicht, was gekeltert wurde, war eher grobschlächtig. Erst der Eintritt des Kantons in die Neuzeit ermöglichte den Aufbau der Qualitätsproduktion.
Zu Beginn der achtziger Jahre setzte sich die Erkenntnis durch, dass das Tessin weltweit einmalige Bedingungen bot. Mit dem Adoptivsohn Merlot, den man anfangs des 20. Jahrhunderts aus Bordeaux geholt und angepflanzt hatte, stand zudem eine Sorte zur Verfügung, mit der große Gewächse gekeltert werden konnten. Zugewanderte Winzer aus der Deutsch- und Westschweiz sowie einheimische Weinbauern gingen mit frenetischem Eifer ans Werk und schafften in nur einem Jahrzehnt das Kunststück, international für Aufsehen zu sorgen und Anerkennung zu finden.

Grandiose Weine
Doch damit gab sich keiner zufrieden. Seit bald 40 Jahren entfalten kleine und große Produzenten eine atemberaubende Kreativität und liefern sich einen permanenten Wettkampf. Jeder der unterdessen über 300 (sic!) Keller will der Beste sein. Wenn es zu Beginn darum ging, Weine mit mehr Struktur und Charakter zu erzeugen, ist das Streben heute dahin gerichtet, den gehaltvolleren Gewächsen mehr Finesse, Eleganz und Schliff zu verleihen. Die Resultate sind faszinierend, immer mehr Weinliebhaber sind beeindruckt vom unverkennbaren Tessiner Stil, der sich durch maßvolle Substanz, vitalen Charakter, komplexe Aromatik und spannende Mineralität ausdrückt.  
Wenn es eine Zone gibt, die von Terroir-Weinen sprechen darf, dann ganz besonders das Tessin. Die Anleihen haben die Produzenten aus der ganzen Welt zusammengetragen, insbesondere jedoch aus Italien und Frankreich. Ihre Glanzleistung besteht darin, dass sie es verstanden haben, diese beiden konträren Stilistiken mit den Tessiner Eigenheiten und ihren persönlichen Ideen zu einem harmonischen Ganzen zu verbinden. Es zeugt von großem Geschick, wie die Winzer die launische Partitur der insubrischen Zone interpretieren. Überzeugen können Sie sich davon idealerweise anlässlich einer Degustation in einem Keller, z.B. bei Angelo Delea in Losone, einem der rührigsten Protagonisten der hiesigen Weinszene.

Kleine Wirklichkeit, große Vielfalt
Mit durchschnittlich sechs Millionen Flaschen pro Jahr ist die Realität eine kleine und eigentlich jedes der über 2000 Etikette fast schon eine Rarität. Entsprechend vielfältig präsentieren sich die Weinkarten der lokalen Gastronomie. Gepflegte Karten mit einer schönen Auswahl an Tessiner Weinen und gute Beratung bieten die Seven-Betriebe an der Piazza. Im Ristorante della Carrà und in der Hostaria San Pietro, beide im romantischen Dorfkern, haben sie es mit höchst weinaffinen Besitzern zu tun. Seien Sie ruhig neugierig und lassen Sie sich auf eine Empfehlung ein. Bei da Gina am Viale Monte Verità tischt man Ihnen auch immer wieder mal gerne eine Flasche von einem jungen Winzer auf.

Der Weinverstand ist im Locarnese allgemein ausgeprägt, viele motivierte Gastro-Mitarbeiter sind echte Weinfans, besuchen in ihrer Freizeit Keller und kennen manchen Winzer persönlich. So finden sie im Ristorante da Enzo in Ponte Brolla oder im urbanen Blu in Locarno nicht nur eine tolle Auswahl, sondern auch die entsprechende Beratung.
Klar, wer Tessiner Wein sagt, spricht von Rotwein. Indessen wird heute auch eine stattliche Anzahl delikater Weißweine erzeugt. Im Übrigen gibt es den Merlot auch als Weißen. Diese Besonderheit sollten Sie sich keinesfalls entgehen lassen. In den Ristoranti Fred Feldpausch (Osteria Nostrana, Grotto Broggini und Sensi) oder in einem der Lokale der Cotti-Gruppe (Al Faro, Piazza und Al Pontile) serviert man Ihnen den „Merlot bianco“, wie er im Volksmund heißt, gerne glasweise zum Apéro oder einfach zwischendurch. Sie vertragen keine Säure? Kein Problem, denn der Bianco di Merlot ist, wie sein Name sagt, ein Weißer aus der blauen Merlot-Traube und daher angenehm mild.

Die Zukunft heißt Merlot
Der Merlot ist im Tessin nicht wie in vielen Gebieten der Welt eine neumodische Erscheinung oder ein Trend, sondern eine über 100jährige Tradition. Obschon im Rebspiegel weitere Sorten Einzug gehalten haben, ist die Stellung der Königssorte unanfechtbar. Die Produzenten sind hoch motiviert und feilen an jedem Detail, um authentische Weine zu liefern. Unaufhaltsam wird der Tessiner Merlot deshalb auch auf internationalem Parkett eine Position erringen, allerdings stets in beschränkter Menge – und somit wenigen Glücklichen vorbehalten bleiben.